Das Pilotprogramm der EZB zum digitalen Euro
Die Entwicklung des digitalen Euros ist an einem entscheidenden Punkt angekommen. Nach Jahren der Analyse, konzeptionellen Entwicklung und technischen Vorbereitung tritt das Eurosystem mit dem Pilotprogramm der EZB in eine neue Phase ein.
Die Grundlagen dafür wurden in mehreren aufeinanderfolgenden Projektphasen gelegt (siehe Abbildung 1): In der Untersuchungsphase von 2021 bis 2023 entwickelte die Europäische Zentralbank (EZB) das grundlegende Design des digitalen Euros und prüfte, in welchen Szenarien eine europäische Zentralbankwährung in digitaler Form sinnvoll eingesetzt werden könnte. Parallel dazu liefen technische Prototypen, mit denen unter anderem die Offlinefähigkeit und die Interaktion zwischen digitalen Wallets und Intermediären getestet wurden.
Mit Beginn der Vorbereitungsphase im November 2023 nahm das Projekt deutlich konkretere Formen an. In dieser Zeit entstand der erste Entwurf des Rulebooks, das begleitend durch einen Marktkonsultationsprozess von Banken, Händlern, Verbänden und Technologieanbietern kommentiert und weiterentwickelt wurde.
Zugleich wählte das Eurosystem die zentralen Technologiepartner aus, die einzelne Komponenten wie die Alias- oder die Offlinekomponente entwickeln sollten. Auf einer Innovationsplattform konnten rund 70 Marktteilnehmer technische Konzepte und Anwendungsfälle erproben, um sowohl die langfristigen Potenziale des digitalen Euros als auch die Anforderungen an Standards und Interoperabilität besser zu verstehen. msg for banking nahm als sogenannter „Pioneer“ an dieser Partnerschaft teil und entwickelte Anwendungsfälle für konditionale Zahlungen.1
Aktuell findet der legislative Prozess auf europäischer Ebene statt, der voraussichtlich bis Ende 2026 abgeschlossen sein wird und die rechtliche Grundlage für eine spätere Ausgabe des digitalen Euros schaffen würde. Erst nach Abschluss dieses Prozesses wird endgültig über eine Einführung entschieden und die nächste Phase, die Entwicklungsphase, eingeläutet. Auf dieser Basis markiert das kommende Pilotprogramm den Übergang von einer vorwiegend theoretischen und analytischen Projektphase hin zu einer praktischen Erprobung im operativen Kontext.
Bereits in unserem Report „Digital Euro Unlocked – A User-Centric View on Design, Trust and Real-World Adoption“ haben wir zentrale Erfolgsfaktoren aus Nutzerperspektive analysiert und konkrete Im- plikationen für Banken und PSPs abgeleitet.3
Mit dem nun startenden Pilotprogramm4 beginnt die Phase, in der die strategischen und konzeptionellen Überlegungen des Digitaler-Euro-Projekts erstmals unter nahezu realen Bedingungen überprüft werden. Ziel ist es, zentrale Funktionen des digitalen Euros zu validieren, das Zusammenspiel zwischen Payment Service Providern (PSP), Nutzern, Händlern und der Eurosystem-Infrastruktur zu testen und belastbare Erkenntnisse für eine mögliche Markteinführung ab 2029 zu gewinnen. Die im Piloten eingesetzte digitale Werteinheit ist kein digitaler Euro im rechtlichen Sinne, sondern eine technisch möglichst nahe ausgestaltete Abbildung, die vom Eurosystem ausgegeben wird und echten Transaktionswert in Form einer Zentralbankverbindlichkeit abbildet. Die rechtliche Grundlage für dieses Konstrukt bildet die Payment Services Directive 2 (PSD2).
Im Zentrum steht ein zwölf Monate dauernder Pilotbetrieb, der in der zweiten Hälfte des Jahres 2027 beginnen soll. Um die Auswertung präzise und die technische Stabilität jederzeit beherrschbar zu halten, wird nur ein begrenzter Kreis von Marktteilnehmern mitwirken.
Aufseiten der Zahlungsdienstleister wirken ausschließlich ausgewählte PSPs mit, die im Vorfeld durch das Eurosystem bestimmt werden. Auf Händlerseite werden zwischen 15 und 25 Akzeptanzstellen eingebunden, die typische Alltagsszenarien abdecken und damit einen realistischen Testkorridor schaffen. Als Nutzer fungieren 5.000 bis 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Eurosystems, die den digitalen Euro in verschiedenen Situationen einsetzen und dadurch ein aussagekräftiges Bild zum tatsächlichen Nutzungserlebnis liefern sollen.
Nicht geprüft werden im Pilotprogramm hingegen der gesetzliche Zahlungsmittelstatus, die endgültigen Gebührenmodelle oder eine flächendeckende Endkundenadoption. Der Pilot stellt keine Generalprobe für den Massenmarkt dar, sondern eine begrenzte Testumgebung, in der Funktionalität, Interoperabilität und Nutzerfreundlichkeit so weit ausgefeilt werden, dass ein späterer Rollout auf stabilen Grundlagen stehen kann.
Die vier Use Cases im Piloten
Im Rahmen des Digitaler-Euro-Piloten verfolgt das Eurosystem einen eng begrenzten Anwendungsumfang. Ziel ist es nicht, ein breites Nutzungsspektrum abzubilden, sondern ausgewählte Kernfunktionen des digitalen Euros unter realen Bedingungen zu testen. Der Pilot validiert daher exakt vier Use Cases, die zentrale Produktmerkmale des digitalen Euros adressieren und sowohl Online- als auch Offlineszenarien abdecken (siehe Abbildung 2).
Der erste Anwendungsfall betrifft Person-to-Person(P2P)-Zahlungen auf Basis eines Alias oder einer Access Number in Echtzeit. Dabei überträgt eine Person digitale Werte direkt an eine andere, indem sie in der App einen eindeutigen Identifikator – beispielsweise einen hinterlegten Alias oder eine Access Number – verwendet. Eine klassische IBAN-Eingabe ist nicht erforderlich.
Der zweite P2P-Anwendungsfall adressiert Offlinezahlungen via Near Field Communication (NFC) zwischen zwei Endgeräten. In diesem Szenario übertragen Zahler und Zahlungsempfänger digitale Werte direkt von Gerät zu Gerät, ohne bestehende Onlineverbindung. Die Transaktion wird unmittelbar auf den beteiligten Geräten verbucht.
Auf der Händlerseite werden im Piloten zunächst Person-to-Business(P2B)-Zahlungen per NFC über SoftPOS (softwarebasiertes Zahlungsterminal auf Smartphone oder Tablet) getestet. Dabei über- trägt der Zahler digitale Werte durch Annäherung seines Geräts an das SoftPOS-fähige Endgerät des Händlers.
Der vierte Anwendungsfall ist P2B im E- und M-Commerce-Umfeld. Hierbei initiiert der Kunde die Zahlung in der Zahlungsumgebung des Händlers und autorisiert diese anschließend über die digitale Euro-App.
Aus Sicht von Banken und PSPs ist die Einordnung dieser vier Use Cases eindeutig: Der Fokus liegt auf der Validierung von Kernfunktionalitäten des digitalen Euros, nicht auf der Abbildung zusätzlicher Mehrwert- oder Spezialfunktionen.

Abbildung 2: Use Cases im Piloten – Fokus und Abgrenzung5
Rolle und Verantwortung der Payment Service Provider im Digitaler-Euro-Piloten
PSPs nehmen im Digitaler-Euro-Piloten eine zentrale operative Rolle ein. Während das Eurosystem die zentrale Infrastruktur bereitstellt, liegt die Umsetzung auf Nutzer- und Händlerseite maßgeblich bei den teilnehmenden PSPs. Die Teilnahme am Piloten ist dabei an ein strukturiertes Auswahl- und Vorbereitungsverfahren geknüpft.
Der Einstieg erfolgt über einen Call for Expression of Interest, der ab dem ersten Quartal 2026 veröffentlicht wird. Auf dieser Basis wählt das Eurosystem eine begrenzte Anzahl von PSPs aus, um eine ausgewogene Abdeckung hinsichtlich Geografie, Use Cases und technischer Fähigkeiten sicherzustellen. Teilnahmeberechtigt sind sowohl Banken als auch Nicht-Bank-PSPs mit gültiger EU-Lizenz und entsprechender operativer Leistungsfähigkeit.
PSPs können im Piloten eine oder beide der vorgesehenen Rollen übernehmen. Als Distributing PSP stellen sie Digitaler-Euro-Services für individuelle Endnutzer bereit, entweder über eine vom Eurosystem bereitgestellte App oder durch Integration in eine eigene Anwendung. Als Acquiring PSP verantworten sie die Anbindung von Händlern, einschließlich der Bereitstellung von SoftPOS-Lösungen oder E-/M-Commerce-Integrationen.
Mit der Teilnahme am Piloten sind konkrete operative Aufgaben verbunden. Dazu zählt zunächst der Aufbau der Digitaler-Euro-Services innerhalb der eigenen Systemlandschaft. Dies umfasst insbesondere die Integration in die Digital Euro Service Platform (DESP), einschließlich technischer Anbindung, Sicherheitsanforderungen und Backend-Zertifizierung. Erst nach erfolgreicher Zertifizierung ist eine Teilnahme am operativen Pilotbetrieb möglich. Darüber hinaus übernehmen PSPs die Onboarding- und Supportverantwortung für die teilnehmenden Nutzer und Händler. Der Nutzerkreis ist im Piloten bewusst begrenzt und umfasst Eurosystem-Mitarbeitende sowie eine kleine Zahl ausgewählter Händler. PSPs fungieren dabei als erste Ansprechpartner für operative Fragen, Störungen und Nutzerfeedback.
Ein zentrales Element des Piloten ist schließlich das kontinuierliche Feedback an das Eurosystem. PSPs sind ausdrücklich aufgefordert, Erkenntnisse aus dem operativen Betrieb, den Nutzerinteraktionen und technischen Abläufen strukturiert zurückzuspielen. Dieses Feedback fließt direkt in die Weiterentwicklung des digitalen Euros ein und dient der Vorbereitung eines möglichen Markt-Rollouts.
Für Banken und PSPs bedeutet das Pilotprogramm damit weniger eine rein strategische Positionierung als vielmehr einen operativen Realitätscheck. Die Teilnahme ermöglicht es, frühzeitig praktische Erfahrungen mit Prozessen, Schnittstellen und Verantwortlichkeiten im Digitaler-Euro-Ökosystem zu sammeln und die eigene System- und Organisationslandschaft unter realen Bedingungen zu testen. Vor dem Hintergrund eines möglichen Markt-Rollouts ab 2029 kann dies einen spürbaren zeitlichen und strukturellen Vorsprung gegenüber später einsteigenden Marktteilnehmern bedeuten.

Digital Euro Unlocked - Report 2026
dienstleistern und Marktteilnehmern einen kompakten
Überblick über mögliche Auswirkungen und
strategische Handlungsfelder im Kontext
eines digitalen Euro – aus kundenzentrierter Perspektive.
Quellen
- 1. Siehe: msg for banking war Teil Innovationsplattform zum digitalen Euro, 07.10.2025.
- 2. Vgl. Der digitale Euro, Europäische Zentralbank.
- 3. Vgl. Digitaler Euro Unlocked – Report 2026, Banking.Vision (08.01.2026).
- 4. Alle Informationen zum Pilotprogramm der EZB beruhen auf folgender Quelle.
- 5. Vgl. The Future of Money, Europäische Zentralbank (2025).
